Die virtuelle Rekonstruktion der Siegener Synagoge

Stein für Stein wird die Siegener Synagoge am Computer wieder zusammengefügt.
Die zwei- und drei­di­men­sio­nale Video-Animation fügt auf der Basis von histo­ri­schen Foto­gra­fien aus dem Bestand des Aktiven Museum Südwest­falen, der Berli­ni­schen Galerie und des Sieger­länder Heimat- und Geschichts­ver­eins die Trümmer der Siegener Synagoge zusammen. Am Ende der Instal­la­tion erscheint das Gebäude wieder so vor Augen der Zuschauer, wie es vor seiner Zerstö­rung von 1904 bis 1938 zu sehen war. Es wird an die Wand des Hoch­bunkers proji­ziert, der 1941 auf dem Grund­stück der Synagoge errichtet wurde. Zu den eindrück­li­chen Bildern erklingen histo­ri­sche und moderne Aufnahmen von synago­galen Gesängen.
Wie in Warschau soll auch in Siegen in jiddischer Sprache, also mit hebräischen Buchstaben, das Wort „Liebe“ aufleuchten.
Die Premiere der ersten virtu­ellen Rekon­struk­tion einer Synagoge in Deutsch­land soll stell­ver­tre­tend die über 1400 Synagogen und Bethäu­sern ins Gedächtnis rufen, die in der soge­nannten Reichs­kris­tall­nacht im November 1938 zerstört wurden. Das einzig­ar­tige Ereignis wird in den Zuschauern vor Ort und weltweit (Live-Über­tra­gung im Internet) viel­fäl­tige Emotionen erwecken – die virtuelle Rekon­struk­tion der Siegener Synagoge erreicht nicht nur die Köpfe, sondern auch die Herzen und Seelen. Für manche Zuschauer wird das Ereignis die erste Begegnung mit der jüdischen Kultur und dem Judentum überhaupt sein.
 

Die Multi­media-Instal­la­tion mit der virtu­ellen Rekon­struk­tion der Siegener Synagoge ist also nicht allein dem Erinnern an etwas Vergan­genes gewidmet, sondern zugleich auf die Gegenwart und Zukunft bezogen – gemäß Alt-Bundes­kanzler Helmut Schmidt, der einmal gesagt hat, statt von der „Gegenwart der Vergan­gen­heit“ zu sprechen solle man lieber von der „Zukunft der Vergan­gen­heit“ reden. In diesem Sinne ist auch das Siegener Projekt in die Zukunft gerichtet.

Die an der virtu­ellen Rekon­struk­tion der Siegener Synagoge betei­ligten Künst­le­rinnen und Künstler stehen mit ihrer Kunst und mit ihrem Leben dafür, dass ein solches Mitein­ander möglich ist: Das Projekt ist eine deutsch-polnisch-unga­ri­sche und zugleich jüdisch-christ­liche Co-Produktion.

Die Künstler stammen aus Ländern, in denen wie in Ungarn und Polen natio­na­lis­tisch-auto­kra­ti­sche Regie­rungen die Demo­kratie in auto­ri­täre Staats­formen umwandeln und in denen – wie auch in Deutsch­land – der Anti­se­mi­tismus in alle Bevöl­ke­rungs­schichten eindringt. Das Projekt ist also auch als Warnung und Mahnung vor wachsender Juden­feind­schaft gedacht – eingedenk der Worte des Literatur­nobel­preis­trägers Hermann Hesse: „Es kommt alles wieder, was nicht bis zu Ende gelitten und gelöst ist.“

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„Das Projekt zeigt, dass Kunst die Kraft hat, uns zum Erinnern zu nötigen, in uns Hoffnung zu erwecken, in uns Heilung zu bewirken und uns zu einer größeren Liebe aufzurufen.“

Frederick Whittaker, US-ameri­ka­ni­scher Holocaust-Experte

„Erinnern allein genügt nicht. Erinnern muss immer mit Empathie verbunden sein. Diese Empathie kann vor allem mit künst­le­ri­schen Projekten erweckt werden, denn Kunst kann in beson­derem Maße jene Gefühle hervor­rufen, die Voraus­set­zung für Empathie sind. Kunst kann Erin­ne­rungen zurück­bringen, Hoffnung geben, inspi­rieren und heilen. Wo es Empathie gibt, herrscht keine Angst mehr.

Wenn wir uns nicht den Erin­ne­rungen stellen, bürden wir die Lasten den nächsten Genera­tionen auf. Sie werden Probleme haben. Ihre Kinder werden Probleme haben.“

Gabriela von Seltmann